Karl-Heine-Kanal
Sehr informativer Artikel in der LVZ vom 27.07.2011:
Von Leipzig nach Hamburg per Schiff
Karl Heine baute schon als Kind Kanäle im heimischen Garten, später wurden sie deutlich größer
Nach Hamburg sollte es gehen, per Schiff. Denn die kleine Handelsstadt Leipzig sollte Mitte des 19. Jahrhunderts unbedingt zu einer bedeutenden Industrie- und Handelsmetropole aufsteigen. Und dazu – so sah es Karl Heine, Landtagsabgeordneter und Industrieller – bedurfte es eben einer Schifffahrtsverbindung. Pferdefuhrwerke reichten in der aufstrebenden Stadt als Transportmöglichkeit bei Weitem nicht mehr aus, und die Eisenbahn schaffte es zu der Zeit noch nicht.
Schließlich wurde erst einige Jahre zuvor, 1839, die Leipzig-Dresdner-Eisenbahn als erste deutsche Fern-Eisenbahnstrecke eröffnet. Was also lag näher, als Kanäle zwischen den vorhandenen Flüssen zu schaffen? Unermüdlich verfolgte Heine die Idee eines Kanals von der Elster zur Saale und über sie zur Elbe. Endstation: Überseehafen Hamburg.
Als Heine diese Idee vorbrachte, war er längst kein unbeschriebenes Blatt mehr in Leipzig. Bereits in den 40erJahren des 19. Jahrhunderts entstanden nach seinen Plänen die ersten Bauten jenseits der Pleiße. Die Westvorstadt nahm Konturen an. Plagwitz, Schleußig und Lindenau entwickelten sich unter seiner Ägide zu einem der größten Industriestandorte. Doch die Flussläufe mussten schiffbar gemacht werden, um Baumaterialien und Güter zu transportieren.
„Schon in seiner frühesten Jugend zeigte sich in ihm eine besondere Neigung für Land- und Wasserbauangelegenheiten. Auf einem quellenreichen Wiesengrundstücke seines Vaters legte er – als Knabe spielend – Wehre an, baute Kanäle und trieb durch deren Wasser kleine Mühlräder“, wird ein Bericht eines Leipziger Bürgers aus dem Jahr 1856 in den Leipziger Blättern „Stadt am Wasser“ zitiert.
Ab 1856 wurden die Kanäle, mit denen sich Heine beschäftigte, deutlich größer. Den heutigen 2600 Meter langen gleichnamigen Kanal ließ Heine als ersten Teil eines Schifffahrtkanals von der Weißen
Elster bis zur Saale anlegen. Der Bau begann an der Weißen Elster, der Aushub wurde zur Trockenlegung der Sümpfe der Elsteraue zwischen Leipzig und Plagwitz genutzt. Die Schachtung wurde zunächst bis zur heutigen Elisabethbrücke vorangetrieben.
„Die anschließende Durchbrechung des Plagwitzer Höhenrückens gestaltete sich wegen des harten Gesteins schwierig, erforderte Sprengungen, lieferte jedoch den so genannten Heine-Knack,
der sich nach seiner Beschaffenheit gut zur Auffüllung von Straßen in Leipzig verwenden ließ und Einnahmen brachte“, schreibt Ulrich Krüger in seinem Buch „Carl Heine. Der Mann, der Leipzig zur Industriestadt machte“.
Zunächst wurden für den Transport der Erd- und Gesteinsmassen Kähne genutzt, die gestakt wurden. Doch für Heine musste der Transport schneller vonstatten gehen. Irgendwie musste es doch möglich sein, Dampfschiffe fahren zu lassen. Mit „Anna“ legte der erste Schraubendampfer ab und befuhr die Elster, zunächst als Schlepper für die Kähne. Doch Heine erkannte, dass das Schiff noch einen ganz anderen Zweck erfüllte – für den Personenverkehr. Von Montag bis Freitag brachten „Anna“, „Columbus“ und „Neptun“ die Erdmassen aus dem Kanal Richtung Leipzig, am Wochenende schipperten die Stadtbewohner mit ihnen über die Elster. Die Presse äußerte sich wahrlich überschwänglich. „Was niemand für ausführbar und möglich hielt, was wohl gar von überklugen Männern als die Idee eines Projektemachers belächelt, ja verhöhnt wurde, ist zur Wahrheit geworden: Die kleine Elster wird mit einem Dampfschiff befahren“, schreibt das Leipziger Tageblatt am 24. Oktober 1862.
Zwei Jahre nach dem Artikel wurde der erste Abschnitt des Kanals eröffnet. Doch Heine wusste längst, dass er als einzelner Privatunternehmer das Gesamtprojekt des Kanalbaus bis zur Saale nicht verwirklichen konnte. Daher hatte er 1874 den „Elster-Saale-CanalVerein“ gegründet, dem bereits im Gründungsjahr 50 Industrielle und Kaufleute angehörten.
Heine selbst konnte auch noch 1887 den zweiten Abschnitt bis zur Zeitzer Eisenbahn fertigstellen. Die Flutung ließ er zu einem echten Schauspiel werden. Mehr als 700 Menschen waren eingeladen, dem Ereignis beizuwohnen: Arbeiter, Angestellte und Vertreter der Reichs-, Staats- und Stadtbehörden. „Um 15 Uhr wurden die Stützbalken entfernt und die tosenden Wassermassen füllten in etwa einer halben Stunde den neuen Kanalteil. Ein Lotsenboot fuhr zur Inspektion ein, ihm folgte ein Schleppdampfer mit geschmückten großen Transportkähnen, auf denen die Gäste Heines Platz genommen hatten“, schreibt Krüger. Der Autor vermutet, dass Heine mit diesem Riesenfest einen „Schlussakkord“ erklingen lassen wollte, um sich von seinem Traum der Fertigstellung des Kanals zu verabschieden.
Die Eröffnung des Abschnitts zwischen Saalfelder und Lützner Straße erlebte Heine nicht mehr. Dieses Teilstück wurde von der Leipziger Westend-Baugesellschaft, die auch im Besitz der Heine-Familie war, Ende des 19. Jahrhunderts fertiggestellt.
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